Fokus, Forum, Forschungslabor - ein Rückblick zum 40-jährigen Jubiläum des Bonner Kunstvereins 2003
Der Bonner Kunstverein hat sich zielstrebig zu einem der in Deutschland wie international anerkanntesten Institute der Vermittlung aktueller Kunst entwickelt. Vor 40 Jahren wurde er gegründet. Als der Bonner Kunstverein am 24. Mai 1963 von einem Kreis Bonner Bürger und Künstler in der Godesberger Galerie Schütze gegründet wurde, war das heutige Stadtgebiet noch eine Agglomeration kommunalpolitisch selbständiger Kirchtürme.
"Der Staat kann keine Kunst machen, so wenig, wie eine Kultur" stellte Carlo Schmid in seiner Rede zur konstituierenden Hauptversammlung fest. "Auch ein Kunstverein kann keine Kunst machen. Aber beide können den Raum schaffen für die Entfaltung der Kunst."
Die erste Phase in den 60-er Jahren stand allerdings unter der Überschrift Aufbau, ohne Räume, ohne Personal und daher in enger Anlehnung an das Rheinische Landesmuseum.
So, wie man sich bei dem Gründungsdatum an den 50. Jahrestag der Bonner Expressionisten-Ausstellung orientierte, stützte sich die erste Ausstellung auf Werke dieser Künstlergruppe aus rheinischem Privatbesitz. Atelierbesuche, Vorträge, Kindermalwettbewerbe, Jahresgaben, das Engagement war groß, die Mittel äußerst knapp, man war schließlich froh, für Ausstellungen das Café des Landesmuseums nutzen zu können.
Die Wahl von Dorothea von Stetten zur neuen Vorsitzenden im Jahre 1973 leitete die zweite Entwicklungsphase ein, die durch Aufschwung und Internationalisierung gekennzeichnet ist. Sie startete mit der Ausstellung: "Abstrakte Kunst - was ist das?", die zusammen mit dem Kunstmuseum im Haus an der Redoute gezeigt wurde. Das Ausstellungsprogramm entwickelte ein stetig prägnanter werdendes Profil, etwa 1977 mit der ersten Präsentation von Anselm Kiefer in einem öffentlichen Institut. Und als der damalige Bundespräsident Walter Scheel die Ausstellung "Profile Bonner Galerien" (1974) besuchte, wurde er auch gleich als Vereinsmitglied gewonnen.
Die in der Satzung festgeschriebene Vermittlungsaufgabe nimmt dynamischere Züge an. Auf dem "Kunstmarkt", für die Bonner KünstlerInnen, in der Vorweihnachtszeit fast ein Volksfest, bietet der Bonner Kunstverein sein bis heute renommiertes Jahresgabenprogramm. Darunter schon früh Werke von Graubner, Piene, Uecker, Buren, Ruthenbeck u.v.a. Der Bildungsauftrag schlägt sich ebenso im ständig wachsenden Programm von Kulturreisen, so 1976 in die DDR, und Kunstreisen, 1977 erstmals zur documenta, nieder wie in der Unterstützung des Arbeitskreises Kunsterzieher an den Bonner Schulen und im Einsatz für die im Kommunalwahlkampf 1975 versprochene "Bonner Kunsthalle". Dies dankte die Stadt 1977 durch die Überlassung des "kleinen Königshofes", wodurch der Verein 1978 endlich eigene Räume nutzen kann.
1976 kann Margarethe Jochimsen für den Vorstand gewonnen werden. Mit ihrem Engagement für das künstlerische Programm und unterstützt durch viele Mitstreitern im Vorstand wird eine neue Phase eingeleitet. In den Focus der Diskussion rückt die gesellschaftliche Rolle der Kunst, etwa markiert durch den Vortrag 1977 von Josef Beuys über die "Freie internationale Universität" und die Akzentuierung der kunst-vereinstypischen Entdeckung und Förderung herausragender international relevanter Positionen junger Kunst in Einzel- und Themenausstellungen. Die Vorstellung der jungen italienischen Transavanguardis in der Ausstellung "Die enthauptete Hand" (1980) ist heute ebenso legendär wie die frühe Förderung von Künstlern und KünstlerInnen wie Leiko Ikemura (1983), Stephan Huber (1984) und vielen anderen. Dem gesellschaftspolitischen Verständnis von der Rolle der Kunst und des Kunstvereins entsprechend konzentrieren sich die wachsenden Vermittlungsaktivitäten von Vorträgen, Symposien, Künstlergesprächen, Performances auf die Ausweitung des engen mit den klassischen Formen der Malerei, Skulptur, Zeichnung definierten Kunstbegriffs. Inter-nationale Fragestellungen und Engagement für die kulturpolitische Situation vor Ort bestimmen die Arbeit. Die Phase der Expansion und Profilierung ist eingeläutet. 1981 wird Margarethe Jochimsen zur Vorsitzenden gewählt.
Die Dynamik, die ihren wirksamsten Niederschlag in der Arbeitsgemeinschaft "Mehr Kunst für Bonn" findet, überträgt sich auf die gesamte "freie Szene" und auf die Stadt. 1986 erhalten Kunstverein, Künstlergruppen und die Gesellschaft für Kunst und Gestaltung ihr neues Domizil in der ehemaligen Blumenhalle.
Im Januar 1987 eröffnet der Kunstverein - inzwischen erstmals in der Person von Annelie Pohlen mit der Stelle einer hauptamtlichen Direktorin ausgestattet - die von Haus Rucker&Co umgebauten "Räume von sympathischer Neutralität" mit der Ausstellung "Wechselströme: Kontemplation - Expression - Konstruktion".
Annelie Pohlen setzt den konzeptionellen Ansatz mit einer Folge programmatischer Einzel- und Themenausstellungen bis zum heutigen Tage fort. Das Profil des Kunstvereins als Forschungslabor für Fragen an der Nahtstelle zwischen Kunst und Wissenschaft, als Produktionsstätte für Arbeiten vor Ort, als Plattform für die sich ständig neu definierende junge Kunst wird bestimmt durch Themenausstellungen wie "Über-Leben"(1993), "Berechenbarkeit der Welt"(1996) und Einzelausstellungen von John Bock bis Heimo Zobernig in enger Koproduktion mit in- und ausländischen Kunstinstituten. Der Kunstverein profiliert sich aber auch als Ort der Rückbesinnung auf das, was der ständigen Sucht des Kunstmarktes nach Mainstreams zum Opfer fällt, etwa in den großen Retrospektiven von Alighiero & Boetti und Leo Breuer oder bei der Entdeckung der 1943 in Auschwitz umgebrachten Künstlerin Charlotte Salomon für die aktuelle Kunstszene.
Das dem Kunstverein 1985 von der Peter-Mertes-Weinkellerei in Bernkastel-Kues anvertraute Peter-Mertes-Stipendium, einer der heute bedeutendsten Fördermaßnahmen in der jungen Kunst, kann auf eine ganze Liste inzwischen bekannter Namen, wie u.a. Gregor Schneider, verweisen.
Der Videokunst bietet der Kunstverein schon an der Adenauerallee ein Forum. Folglich zieht die Videonale, das erste internationale Videofestival der Bundesrepublik ,1988 mit ihrem 3. Festival als Gast in den Kunstverein ein und hat seither die Internationalisierung der Bonner Kunstszene maßgeblich mitgestaltet, was hoffentlich weiter-geführt werden kann.
Einen Beitrag zur erhöhten Aufmerksamkeit für die gebaute Umwelt und für die Verständigung zwischen Architekten und Bürgern leisten die seit 1990 von C.F. Schröer gestarteten "Baustellengespräche" und der von Andreas Denk initiierte, inzwischen in Zusammenarbeit mit dem BDA fortgesetzte "Architektursalon".
Der Geist der AG "Mehr Kunst für Bonn" wirkt auch nach der Eröffnung der Häuser an der Museumsmeile fort. Der Kunstverein initiiert den Zusammenschluss der Institutionen im Bonner Norden zum KunstCarré, setzt Impulse zur Einrichtung des Atelierhauses, intensiviert die Zusammenarbeit mit dem kunsthistorischen Institut und unterstützt Margarethe Jochimsen bei ihrer inzwischen erfolgsgekrönten Rettung des Macke-Hauses.
Mit der zunehmenden Internationalisierung und Aktualisierung des Ausstellungsprogramms wächst die Bedeutung der Vermittlungsstrategien. In den neuen Räumen richtet Dorothee Opitz-Hoffmann 1987 eine Artothek ein, die mit inzwischen ca. 1000 ausleihbaren Werken bedeutender zeitgenössischer KünstlerInnen zu einer der aktivsten Instituten dieser Art zählt.
Mit 40 Jahren zählt der Bonner Kunstverein nach wie vor zu den jüngsten in der inzwischen auf 200 Kunstvereine angewachsenen Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine, in deren Vorstand er seit dessen Gründung im Jahre 1984 vertreten ist. Er hat sich zielstrebig zu einem der in Deutschland wie international anerkanntesten Institute der Vermittlung aktueller Kunst entwickelt. Ruhe ist gleichwohl nicht eingekehrt. Die Diskussion um die Perspektiven der Zukunft geht - als eine der ureigenen Aufgaben von Kunstvereinen - weiter.
Text und Bilder sind erschienen in einem Beitrag des GENERAL-ANZEIGER BONN am 24./25. Mai 2003 - Wir danken für die Zustimmung zur Veröffentlichung auf unserer Website.
Sämtliche Fotos: Franz Fischer
Text: Hans Hansen (†), Vorsitzender