GREGOR SCHNEIDER: TOTALSCHADEN

mit Werken von: SHAMSUDIN ACHMADOW, SONJA ALHÄUSER;
ANNA AMADIO, MONIKA BARTOLOMÉ, THOMAS BAUMANN, RALF BERGER, MATTI BRAUN, RITA MC BRIDE, WALTER DAHN, MARK DION, THEA DJORDJADZE, ULRICH ERBEN, CARSTEN FOCK, FRANCESCO GENNARI, GEORG HILDEBRANDT, ELLEN KATTERBACH, KIRON KHOSLA, EDWARD KRASINSKI, MISCHA KUBALL, JIM LAMBIE, EUGENE LEROY, ALEXANDER LIECK, MARCEL ODENBACH, BLINKY PALERMO, WERNER REITERER, THOMAS RENTMEISTER, PIPILOTTI RIST, DIETER ROTH, GREGOR SCHNEIDER, THOMAS RUFF, FRANCES SCHOLZ, URSULA SCHULZ-DORNBURG, THOMAS SCHÜTTE, NORBERT SCHWONTKOWSKI, DIRK SKREBER, ANDREAS SLOMINSKI, MICHAEL STAAB, JAN STIEDING, MIRKO TSCHAUNER, TIMM ULRICHS, GÜNTER UMBERG, REBECCA WARREN, CORINNE WASMUHT, JOHANNES WOHNSEIFER, THOMAS ZITZWITZ, CHRISTOF ZWIENER, WEIHEALTAR FÜR DIE MATRONEN 3. Jhdt.n.Ch., RELIEF MIT DEN KLUGEN und TÖRICHTEN JUNGFRAUEN, 16 Jhdt., ZWEI ÄBTISSINEN, 1739, KLEINER ALTAR MIT BAROCKKREUZ, PORTRÄT DES GRAFEN NEUBURG-PFALZ, zeitg. Kopie nach Van Dyck, 17. Jhdt.
19. Januar–28. März 2006
Sonntag, 17. Januar, 12 Uhr Eröffnung

 

 

GREGOR SCHNEIDER Ausstellungsansicht im Bonner Kunstverein
GREGOR SCHNEIDER Ausstellungsansicht im Bonner Kunstverein
GREGOR SCHNEIDER Ausstellungsansicht im Bonner Kunstverein

Der Einblick in eine außergewöhnliche Kunstsammlung, nämlich eine Sammlung beschädigter Werke namhafter Künstler, war für Schneider Initialzündung für das Interesse an Fragestellungen zum Thema Schadensfälle in der Kunst und mündete in die Konzeption der Ausstellung TOTALSCHADEN. Vor dem Hintergrund einer sich verzögernden Renovierung und damit entstandener Planungslücke ist die Ausstellung als Aktion kurzfristig und ohne nennenswertes Budget geplant. Mittels eines Aufrufs nach beschädigten Werken, den Gregor Schneider in Zusammenarbeit mit dem Bonner Kunstverein entwarf, konnte aus zahlreich eingesandten Vorschlägen eine Auswahl getroffen werden. Dabei waren größtmögliche Vielfalt bei den künstlerischen Positionen wie auch bei den Schäden leitend. Der Ausgang der offen angelegten Aktion war anfangs nicht absehbar, der Aufruf auch als Frage in den Raum gestellt. Allein der spontanen Initiative zahlreicher Künstler und Kunstinteressierter ist das Zusammenkommen so zahlreicher Werke zu verdanken. Schadensfälle gibt es viele: Ein Gabelstapler fährt über ein noch nicht vollendetes Werk (Skreber), ein Brand verunstaltet die Bildfläche vollständig (Wasmuht), in den Wirren des ersten Tschetschenienkriegs bekommt ein Gemälde ein Einschussloch ab (Achmadow), neugierige Ausstellungsbesucher zerren an einer aufblasbaren Luftskulptur und zerstören sie dadurch (Amadio), einem präparierten Wiesel fallen alle Haare aus (Dion), Bombentreffer im 2. Weltkrieg haben Spuren hinterlassen (Äptissinnenporträts, 1737, Relief mit den Klugen und Törichten Jungfrauen,16. Jhdt.), ein Messerstich verunstaltet eine Nackte (Ruff), ein Porträt nach Van Dyck erleidet beim Umzug eine Risswunde, ein Kratzer in der DVD lässt den Bildablauf an der immer gleichen Stelle stoppen (Zwiener), ein Videoband ist kaputt und damit der bildnerische Inhalt unwiederbringlich verloren (Odenbach), bei einem Werk ist der Schaden nur bei einem bestimmten Lichteinfall sichtbar (Scholz).
Juristisch ist klar: Ein Kunstwerk mit deklariertem Totalschaden ist kein Kunstwerk mehr, sondern lediglich eine Materialansammlung. Es scheidet aus dem Oeuvrekatalog eines Künstlers aus, es verliert den Status eines „Werks“. Jedoch: Wie macht sich ein Schaden sichtbar? Künstler, Sammler, Versicherer, Restaurator oder Kunsthistoriker können da dezidiert anderer Meinung sein. Hinzu kommt: Bei älterer Kunst (u.a. wird in der Ausstellung auch ein Exponat aus dem 3. Jhdt. nach Chr. gezeigt: Römischer Weihealtar für die Matronen, Leihgabe des Rheinischen Landesmuseums) schließt unsere Sehkonvention „Schäden“ mit ein. Schon lange ist das „Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) angebrochen, und doch bleibt die Frage nach der Aura aktuell. Das Kunstwerk besticht weiterhin meist als Originales und Einzigartiges und ist dementsprechend von möglichen Schadensfällen stark bedroht. Im Hier und Jetzt, in seiner Einmaligkeit, begründete Benjamin die Aura eines Kunstwerks. Die Ausstellung macht, indem sie lauter beschädigte Werke vereint, zeichenhaft die Aura in ihrer Verletzlichkeit, aber auch Stärke sichtbar. Manche Schäden sind auf den ersten Blick kaum sichtbar, andere wieder mit einer Vehemenz, die das Werk als solches gänzlich zum Verschwinden bringt. Wieviel Schaden vermag ein Werk zu ertragen? Die Werke, die hier offensichtlich trotz Schadens weiterhin existieren, machen deutlich, daß der deklarierte Schadensfall, der das Werk unzweideutig mit einem Materialwert verknüpft, so zwingend oder stark doch nicht ist. Die Verletzlichkeit von Kunst macht sich im Widerstreit zwischen Präsenz und Absenz von Kunst oder Aura bemerkbar.
Und -  wann ist ein Original vollständig zerstört? Lassen sich vor dem Hintergrund eines bewussten Umgangs mit dem Vergänglichen in der Kunst überhaupt noch Werke ausmachen, die „total zerstört“ sind? Oder setzt unweigerlich eine Transformation in eine neue Wertigkeit und Aussage ein? Hinzu kommt: Im Verlust der Ganzheit und Unversehrtheit begegnet der Betrachter zahlreichen künstlerischen Intentionen in größter Präzision. Denn um einen Schaden als solchen zu erkennen und zu benennen, bedarf es bester Kenntnis der jeweiligen künstlerischen Intention. Mehr denn jede andere Ausstellung macht diese Gruppenschau dementsprechend einzelne künstlerische Intentionen deutlich. Kann ein beschädigtes Kunstwerk möglicherweise einen neuen Blick auf ein künstlerisches Werk ermöglichen? Mit jedem neuen Schadensfall schärft sich das Auge. Bei dem einen Werk bedeutet bereits ein kleinster Kratzer einen Totalschaden, beim anderen Werk ist der Schadensfall dezidiert mitintendiert.
Die Geschichte der Kunst ist reich an Beispielen von Schadensfällen, seien sie zielgerichtet entstanden (Vandalismus, Krieg) oder zufällig passiert (Transport, Zeitfaktor, Naturkatastrophen). Die Bewertung des Verlusts, der sich im Schaden manifestiert, hängt nicht allein vom Werk und dessen zugrundeliegender künstlerischen Intention ab, sondern auch von der Zeit und dem Ort des Betrachters. Das romantische Auge begrüßte das Fragmentarische in Zerstörung und Verlust als Zeichen möglicher Erneuerung, in der neueren Kunstgeschichte können ideelle und materielle Werte ausgespielt werden, indem prozessual selbst zerstörende Kräfte im Werk angelegt sind. TOTALSCHADEN vereint Werke, deren Schäden durch Fremdeinwirkung entstanden sind, und lässt durch die Vielfalt der ausgestellten Exponate die Fragilität der Wertesysteme und damit verknüpft die Erwartungshaltung bei der Kunstbetrachtung zum Thema werden.


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