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(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Titel

Mai-Rezept

Künstler

Alhäuser, Sonja

Jahr

1999

Maße

24x33,8 cm

Art

Aquarell, Unikat

Standort/Nummer

Artothek im Bonner Kunstverein, Nr. 1256

Schlagworte

schlagwort 4, schlagwort 5

„Intuition (statt Kochbuch)“ betitelte Joseph Beuys eine zentrale
Edition der späten sechziger Jahre, die - als „Intuitionskiste“ bekannt
geworden - heute in hunderten von Exemplaren Sammlungen und
Alltag von Kunstfreunden bereichert. Was der Meister so
manifestartig zum Gegensatz erhob, wirft ein Schlaglicht auf ein
wesentliches Konfiktfeld sinnlichen Erlebens, in dem Sonja Alhäuser
ihre künstlerische Arbeit verrichtet - und dabei zu sehr anderen
Ergebnissen kommt als der Meister. Das Herstellen von Essbarem
unterliegt gemeinhin eigentümlichen Regeln: Tonnenweise existieren
Kochbücher und Gourmetführer und die Küchenbetriebe sind straff
autoritär geführt - um ein weiches, eher unbeschreibliches Erlebnis
auf der Zunge zu haben, wenn man sich die Ergebnisse dieser
streng reglementierten Produktion einverleibt. Essbares gehört zu
den zeitgebundenen ästhetischen Produkten und Wahrnehmungen:
wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter.
Als bildende Künstlerin beschäftigt Sonja Alhäuser beides: das
Essbare als Nahrung ebenso wie dessen äußere Form. So bestreitet
sie immer wieder auf Eröffnungen oder ähnlichen Ereignissen die
Verpflegung, und zwar in üppiger und lustvoll-verspielt gestalteter
Weise. Marzipanene Maulwürfe, die aus der gleichnamigen Torte
herausschauen, Schokoladentaler mit dem Konterfei des zu
feiernden Brautpaares, Sahnetorten, in deren Verzierung sich eine
ganze Bildergeschichte abspielt, ein aus Schokolade gegossenes
Pferd, das durch den Kontakt mit dem hungrigen Publikum immer
weniger wird und verschwindet.
Daß das Denken eines solchen Vorgangs nicht nur ein Versorgungsoder
Unterhaltungsakt ist, sondern eine intensive Seite als Bildform
hat, zeigen eindrucksvoll ihre Zeichnungen. Produktion und
Zubereitung von Nahrung und Speise schließen sich hier mitunter
über die Verdauung und Ausscheidung zum Stoffwechselkreislauf.
Sonja Alhäusers Bilder kommen jedoch kaum als belehrende
Schautafeln daher, sondern füllen in leichter zeichnerischer Sprache
ihre Fläche in komplexen Schleifen an, die sich auch einmal in
verschiedene Handlungsstränge teilen können. Der leichte,
zeichnerische Charme spielt in allen ihren Zeichnungen und
Druckgrafiken eine besänftigende Rolle, so daß selbst schmerzhafte
Schwangerschaftserlebnisse oder heftige erotische Fantasien eine
zunächst angenehme Form finden.
Aber bald merkt man, daß sich hinter den mit leichter Hand
gezeichneten Szenen einige Abgründe auftun können: der einsame
Schwimmer in Sonja Alhäusers „Schokoladenmaschine“ muß in
seiner Wanne aus flüssiger, heisser Schokolade immer und immer
wieder untertauchen, zu den erotischen Spielen gehört mitunter auch
die Peitsche, die Geburt tut wirklich weh, wenn man die Zeichnungen
wirklich ansieht. Nicht zuletzt der Rundritt und die Übernachtung in
einem gemeinsamen Kleid mit ihrem Pferd in der Düsseldorfer
Innenstadt („Rundritt im Stadtanzug“, 1997) führt vor Augen, was
heute eigentlich nicht mehr möglich ist, und wenn es in allen Mythen
der Welt seinen Ursprung hätte - es sei denn, man heißt Sonja
Alhäuser und lebt und lotet lustvoll die Grenzen von jenen
lebensnahen Existenzfragen aus, die es immer schon verdienten,
sich damit zu beschäftigen.
Johannes Stahl, 7/2000