Der Bildhauer Stephan Balkenhol ist bekannt als figürlich und gegenständlich arbeitender Künstler. Seine Holzplastiken und -reliefs sind inzwischen in vielen Museen für zeitgenössische Kunst vertreten. Seine Arbeiten sind gekennzeichnet durch Einfachheit. Er reduziert seine Werke auf das Wesentliche. Er übersättigt sie nicht mit Eigenschaften oder belädt sie mit Attributen, sondern zeigt sie in alltäglichen Posen und normaler Alltagskleidung. Sie wirken unter Betonung des Materials durch ihre bloße Anwesenheit. Diese Werke lassen jeden Interpretationsansatz offen. Die Artothek im Bonner Kunstverein verfügt über drei Lithographien, die einem achtteiligen Zyklus entstammen, den Stephan Balkenhol 1993 für die "Griffelkunst Vereinigung" schuf, einer buchringartig organisierten gemeinnützigen Grafikedition. Diese Druckgrafiken, die der Künstler sonst nicht anfertigt, stehen damit schon formal im Gegensatz zu seinen Plastiken und Zeichnungen, die nur als Unikate existieren. Die Motive I, II und IV weisen die gleichen Charakteristika wie seine plastische Arbeit auf: sie bestechen durch ihre Einfachheit. Sie bestehen aus Strichlinien und leichten Schraffuren, sind einfarbig gehalten und verzichten auf jeden Schnörkel. Auch inhaltlich liefern die vorliegenden Lithographien den Betrachtern schon vorgegebene Ansätze: der Künstler "erzählt kleine Geschichten". Sie zeigen das friedliche Miteinander von Mensch und Tier, in - auf den ersten Blick - ungewohnten Situationen. Obwohl die Figuren gegenständlich dargestellt sind, stellen sich die Situationen, in denen sie sich befinden, als unrealistisch heraus. Die Figuren sind gekennzeichnet durch ihre Ort- und Zeitlosigkeit. Sie treten anonym und isoliert vor einem leeren Hintergrund auf. Die Bilder haben keinen Rahmen und schweben daher frei im Raum. Ihre Blicke sind starr und können nicht erwidert werden. Die Figuren wirken nichts- und zugleich vielsagend. Aus dieser Zweideutigkeit entsteht ihre Faszination: der Ausdruck, der so angespannt wie auch gelassen scheint, ihre ausstrahlende Nähe und gleichzeitige Ferne, die Anteilnahme und Distanz. So ruft jede Betrachtung neue Gedanken und Assoziationen hervor. Es stellen sich aber auch gleichzeitig immer neue Fragen, die trotz gegenständlicher Darstellung nicht geklärt werden können. Magnus Gellert, 8/94 |