Es könnte Miss Marple sein
Zwei Frauengestalten - Brustbildnisse in der unteren Bildhälfte - mit Pflanzen
auf dem Haarschopf, Fäden um den Hals, verdichtet Ida Appelbroog zu einer
Momentaufnahme, zu Zeichen vor einem leeren, nicht näher definierten
Bildraum in der unteren Bildhälfte. Die amerikanische Malerin nutzt Elemente
des Comicstrips, wenn sie diese skurrilen Figuren auf ihre Umrisse reduziert,
ihre wesentlichen physiognomischen Merkmale hervorhebt und diese prägnant
überzeichnet: Sie malt dicke Konturen für Körper, Kopf, Augen, Brille und Blumen
anstelle von Haaren. Es entstehen ort- und zeitlose „Typen“, die überall und zu
jeder Zeit leben könnten, die man irgendwie zu kennen meint. Wehrhaft, wie
die beiden Damen aussehen, könnten es Suffragetten, Damen der englischen
Frauenbewegung oder – eine zumindest – Agatha Christies findige Heldin, die
Meisterdetektivin Miss Marple sein.
„Ich beschäftige mich“, sagt sie selbst „mit dem täglichen Leben ... (mit der)
Frage, wie ... Menschen leben im Geflecht ihrer Beziehungen ... Die Bilder ... sind
Projektionsflächen für die Erfahrungen derer, die sie betrachten. ... Deshalb
kann ich auch den Sinn meiner Bilder nicht verbindlich für jeden erklären. Das
wäre Unsinn.“
Appelbroogs Einfall, Frauen mit Blumen zu kombinieren, entspricht ihrer
künstlerischen Strategie, mit Mitteln der Collage in ihren Bildern verschiedene
Aspekte der sichtbaren Wirklichkeit zusammenzusetzen, häufig gestaltet sie
mehrteilige, großformatige Werke, die - ähnlich einem Bilderbogen - assoziativ
als Collage-Geschichten lesbar werden. Ihre Themen: Weibliche und Männliche
Prototypen aus dem visuellen Alltag der Medienwirklichkeit, eine Ikonographie
allgemein bekannter Figuren aus Printmedien, Werbung, Film und Fernsehen.
Ihr Inhalt: ein nebeneinander von Schrecken, Gewalt, Drama und dem ganz
Banalen.
Befragt nach ihren alltäglichen und zugleich distanzierten, fast schabloneartigen
Figuren - in größeren Arbeiten kombiniert zu Szenen, mit Landschaften und
Objekten - umschrieb die Künstlerin 1977 einmal ihre Tätigkeit mit dem Versuch,
“eine Art obskuren Realismus aufzudecken“ (“der nicht mit dem, was wir
gewohnt sind zu sehen, erklärt werden kann, der jedoch nicht so versteckt ist
daß er nicht lesbar wäre.“)
Zum Mythos des Weiblichen gehört in der traditionellen Darstellung Natur, unter
anderem speziell Blumen. Auf sehr frühen Darstellungen finden wir sie zum
Beispiel auf Wandbildern in Pompei oder im Mittelalter in Stefan Lochners „Maria
im Rosenhaag“ (1451). Applebroog zeigt unter anderem dekorative
Kandidatinnen aus Schönheitswettbewerben, die zugleich eine gesellschaftlich
genormte Vorstellung von Weiblichkeit ausdrücken. Seit Mitte der 80er Jahre
bezieht sich die Künstlerin ironisch auf Kollegen, etwa wenn sie de Koonings
vitale, üppige Frauenideale mit „häßlichen“ Frauendarstellungen konterkariert
(„Two women, after de Kooning“, 1985).
In dem hier vorliegenden Siebdruck könnte die Karikatur von erträumter
Weiblichkeit (etwa wenn ein Kapotthut zur Pflanze mutiert) ein Verweis auf die
Surrealisten der Klassischen Moderne sein. Diese idealisierten die weibliche
Gestalt unter anderem dadurch, daß sie die Haare von Frauen und Baumkronen
übereinander blendeten. Vielleicht spielt Applebroog auch ironisch darauf an,
daß erst ein Hut gesellschaftsfähig und damenhaft mache?
Ida Applebroog, die zuvor in den Medien Bühnenbild und Bildhauerei arbeitete,
entwickelt ihren humorvollen, entlarvenden Kommentar zur „Frau heute“ seit
Ende der 70er Jahre und zeigt durch ihre sehr eigene Bildersprache eine
Möglichkeit von aktueller Malerei.
Barbara Wucherer, April 2000